Eine Talschaft eine Gemeinde


Das Val dAnniviers macht erste ganz konkrete Erfahrungen als Einheitsgemeinde und sie sind ermutigend


V i s s o i e. «Wir hätten uns schon früher zusammenschliessen müssen.» Dieses Fazit zieht Gemeindepräsident Simon Epiney von der Gemeinde Anniviers, wenn man ihn auf die ersten Erfahrungen nach der Fusion befragt. Der Grundsatz von einer Gemeinde in einer Talschaft bewährt sich in der täglichen Praxis.

Als Begründung für diese Feststellung zieht der frühere National- und Ständerat die Tatsache heran, dass nur auf diesem Weg kostspielige Doppelspurigkeiten in der kommunalen Ausrüstung, in der Infrastruktur hätten vermieden werden können.

Sachlicher Blick ohne das «il partisan»
Ein Teil dieser Doppelstrukturen müssen jetzt «zurückgebaut» werden. Es sei überdies einfacher, gewisse Entscheidungen zu fällen, wenn die kommunalen Behörden eine gewisse Distanz zu den jeweiligen Sachgeschäften und zu den unterschiedlichen Interessen in der Bevölkerung hätten, findet Simon Epiney. Das verhindere das «oeil partisan», also die Voreingenommenheit und die vorgefassten Meinungen.

Eine späte Berufung angenommen
Warum um alles in der Welt nimmt ein Mann, der als Gemeindepräsident von Vissoie, als Nationalrat und als Ständerat eine erfolgreiche politische Karriere gemacht hatte, auf seine alten politischen Tage hin noch ein Präsidentenamt in einer Gemeinde an? Simon Epiney hat darauf eine klare Antwort: Er ist angefragt worden, ob er nicht die ersten Jahre der Gemeinde Anniviers aktiv und an vorderster Front mitgestalten könnte. Er gilt als die Integrationsfigur. Ihm wurde zugetraut, die auch in dieser Talschaft auseinanderstrebenden Interessen zu bündeln, den Willen der Zusammenarbeit zu konkretisieren und notfalls auch schwierige Entscheide erfolgreich umzusetzen. Er ha- be diese späte Berufung aus Liebe zu seinem Heimattal angenommen, sagt er. Und das glaubt man dem wasch- und kochfesten Anniviarden aufs Wort.

Nur einen heiklen Augenblick gab es
Nach einer Anfrage aller Gemeindepräsidenten hat sich Simon Eypiney nicht lange bitten lassen. «Mich hat diese Aufgabe sehr fasziniert. Aber eines ist mir gleich von Beginn weg auch klar gewesen: Ich will das Präsidentenamt nur so lange machen, als dass dies nötig ist, um unsere Gemeinden auf die richtigen Schienen zu stellen. Dann will ich meinen endgültigen Abschied von der Politik nehmen.» Für den gewieften Politikfuchs hat es im Vorfeld der Gemeindewahlen eigentlich nur einen einzigen, ausgesprochen heiklen Moment gegeben. «Das war dann, als meine Frau beim Einkaufen vernommen hatte, dass ich dieses Amt anzunehmen gedachte», meint Epiney schmunzelnd. Das hat sich rasch gegeben.

Eine «nomadisierende» Verwaltung
Der Aufbau und die Organisation der Verwaltung der Talschaft mit nur einer Gemeinde könnte auf den ersten Blick sehr wohl eine Knacknuss darstellen. Doch die Gemeinde Anniviers löst dieses Problem mit einer Art von «nomadisierenden» Verwaltung. Das Ei des Kolumbus hat man mit einer dezentralisierten, gleichzeitig aber auch «nomadisierenden», also flexiblen Verwaltung gefunden. Grundsätzlich gibt es eine Arbeitsteilung zwischen den früheren Gemeinden. So ist die allgemeine Verwaltung in St-Luc angesiedelt, die Finanzen und Steuern in Ayer, die technischen Belange in Grimentz und der Gemeinderat tagt in Vissoie. Die vier Fachkräfte der Gemeinde (ein Mann, drei Frauen) stehen jeweils stundenweise in den Gemeinden zur Verfügung der Bevölkerung. «Dank der Konzentration haben wir eine gewisse Spezialisierung hergebracht. Das ist wichtig, denn die Sachprobleme werden auch für Gemeinden immer komplexer», hält Gemeindepräsident Epiney fest.

Intensive Startphase, noch nie abgestimmt
«Die ersten Wochen und Monate sind ausgesprochen intensiv gewesen», schildert Simon Epiney die ersten Erfahrungen der fusionierten Talschaft. Ausdruck dieser Beanspruchung: Der Gemeinderat ist seit dem 1. Januar 2009, also seit die Fusion in Kraft trat, zu nicht weniger als 16 Sitzungen zusammengekommen. Es waren sehr lange Sitzungen. Dort wurden Einzelheiten wie das Logo der Gemeinde beraten, aber auch grosse Brocken wie die Vereinheitlichung der Reglemente. «Wir diskutieren sehr angeregt, aber wir haben bis jetzt im Gemeinderat noch nie abgestimmt, sondern am Schluss immer eine einvernehmliche Lösung hergebracht», umreisst Simon Epiney die ersten Erfahrungen in der neuen Gemeinde.

Man kann nicht alles überall machen
Die Philosophie von Simon Epiney verrät den versierten und erfahrenen Politikroutinier: «So weit wie möglich behandeln wir alle Ortschaften der Gemeinde gleich. Aber es ist sicher, dass wir nicht mehr überall alles machen können und machen wollen.» Die Gemeinde muss sich zudem nach der Finanzdecke strecken. Der Gemeinde Anniviers stehen rund 3 Mio. Franken an frei verfügbaren Mitteln im Jahr zur Verfügung. Ein stattlicher Teil der Eigenfinanzierungsmarge wird aber schon durch die Verpflichtungen für die Strassenverbindung ins Tal in Anspruch genommen. Der Gemeindeanteil beläuft sich auf rund 1 Mio. Franken im Jahr. Und in manchen Jahren fliesst eine weitere Million in die Wildwasserverbauungen und andere Schutzmassnahmen: «Sicherheit ist unsere erste und höchste Priorität», unterstreicht Simon Epiney.

Die Gemeinde hat ehrgeizige Zukunftspläne
Als erster Grundsatz gilt gewiss die Gleichbehandlung der früheren sechs Gemeinden, also der verschiedenen Siedlungen der Gemeinde Anniviers. Was begonnen wurde, wird ausgeführt. Was geplant ist, soll hingegen auf seine Notwendigkeit geprüft werden. «Wir möchten, dass uns noch finanzieller Spielraum bleibt für Neues und für Visionen.» Eine dieser Zukunftspläne: Anniviers sieht sich als künftige Energiestadt. Angestrebt wird eine energieautarke Talschaft. Solaranlagen auf den Dächern (mit Ausnahme der Schindeldächer), Kleinkraftwerke, eine verbesserte Energieeffizienz und neue erneuerbare Energien hat die Gemeinde im Visier. Die Gemeinde, die einen 7-Prozent-Anteil am Kraftwerk Gougra AG hält, sieht die Ausbaupläne für diese Anlagen im Betrag von rund 150 Mio. Franken mit Wohlgefallen. Unter anderem soll Wasser von Zinal in Richtung des Moiry-Stausees abgeleitet werden, damit der kostbare Rohstoff zweimal für die Energienutzung verwendet werden kann.

Fusion hätte schon früher kommen sollen
Das Val dAnniviers ist also im Jahr eins der Gemeindefusion voller Tatendrang und voller Begeisterung. Dabei nutzt man Synergien, darunter so einfache wie die eines gemeinsamen Versicherungsportfolios. Das hat der Gemeinde auf einen Schlag jährliche Ein-sparungen in der Höhe von 600 000 Franken gebracht. Dazu gehört aber auch der Mut, alte Strukturen in Frage zu stellen und nötigenfalls zu überwinden. Man wolle die Kräfte bündeln, die Investitionen nach dem Prinzip der Notwendigkeit vornehmen. «Die Fusion hätte schon viel früher kommen müssen. Nach nur drei Monaten können wir uns fast nicht mehr vorstellen, wie wir das früher gemacht haben, als es noch mehr als eine Gemeinde im Tal gab.» So lautet das Fazit von Simon Epiney nach den ersten drei Monaten unter dem Motto eine Talschaft, eine Gemeinde.

Einheitliche Reglemente
lth) Allein schon die Vereinheitlichung der verschiedenen Reglemente stellt ein schönes Stück Arbeit dar. Aber da gibt es zum Beispiel im Baureglement durchaus Ausnahmen. Bei der Gestaltung der alten Dorfkerne, deren Erhaltung zum Beispiel in Grimentz schon seit Jahren mit grossem Aufwand betrieben wird, gibt es Ausnahmen. Es sind dies massgeschneiderte Bedürfnisse für die verschiedenen Bedürfnisse der Siedlungen. Grimentz mit seiner Schindeldachlandschaft und das eher als Durchgangsort geltende Vissoie können im Baureglement nicht über den gleichen Leisten geschlagen werden. «Der Wille der früheren Gemeinde zur Erhaltung ihres Dorfbildes soll auch weiterhin im Baureglement Bestand haben», findet der Gemeindepräsident von Anniviers.

Auf einen sanfteren Tourismus setzen
lth) Die Gemeinde Anniviers setzt in Zukunft vermehrt auf einen sanfteren Tourismus. Die bestehenden Skigebiete werden zwar erhalten und deren Anlagen nach Möglichkeit etappenweise erneuert. Aber in den kommenden Jahren setzt man vermehrt auf den Sommer, vorab auf attraktive Wanderungen in mittleren und tieferen Höhenlagen. Sie sollen Familien und älteren Leuten leicht zugänglich sein. Aufwerten will man überdies die weitgehend ergangenen Suonen, die «Bisses». Dazu gehört weiter ein Agrotourismus in den Alpen, wo man dafür sorgen will, dass vermehrt entlang der Wanderrouten typische Spezialitäten der örtlichen Landwirtschaft angeboten werden. Diese steuert zwar nur noch rund 3 Prozent zur Volkswirtschaft bei. Doch sie besorgt die unverzichtbare Kulissenschieberei für den Tourismus, indem sie die Landschaft pflegt. «Ein wichtiges Ziel wäre, die Begeisterung für das Dienen, für den Tourismus zu wecken. Dies fällt gerade uns Wallisern nicht immer leicht», stellt Simon Epiney fest.

Schule, Alpen und Weinberge
lth) Das Val dAnniviers hat sozusagen auf einer historischen Basis aufbauen können, als es darum ging, vor Jahren den Fusionsprozess einzuleiten: Seit 30 Jahren gibt es eine gemeinsame Schule und seit Jahrhunderten bewirtschafteten die Anniviarden ihre Alpen, aber auch ihre Weinberge unten im Tal sehr oft gemeinsam. Diese Erfahrung einer nomadisierenden Lebensweise und dass gemeinsames Tun funktioniere, habe den Zusammenschluss der Talgemeinden gewiss erleichtert. Diese Erfahrung müssten im Kanton auch andere Talschaften wagen, sagt der erste Präsident der Gemeinde Anniviers im Blick auf manche Seitentäler im Ober-, im Mittel- und im Unterwallis.

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«Die Fusion hätte schon sehr viel früher kommen sollen», sagt der erste Gemeindepräsident der Gemeinde Anniviers, Simon Epiney. Foto wb